06.11.2018
Wir fahren Richtung Palermo auf Sizilien. Die Zeit der Unwetter scheint vorbei, denn der Himmel ist blau. Für Tunis haben wir die Fähre vorgebucht und 57,- Euro pro Person, Pullmannsitz und Motorrad bezahlt. Da wir im Moment genug haben von Stadtdurchquerungen in Italien, gönnen wir uns die Autobahn an Regio Calabria vorbei. In Villa di Giovanni nehmen wir die Fähre nach Sizilien und nutzen auch dort die Autobahn bis Palermo. Auf dieser Strecke reiht sich ein Tunnel an den anderen, aber zwischendurch hat man auch tolle Sicht auf den Äthna, das Meer und die Berge.

Am Nachmittag sind wir am Hafen. Das Fährbüro öffnet um 17 Uhr und dann müssen wir bis 2 Uhr nachts warten, ehe die Fähre ausläuft. Nach und nach füllt sich der Platz mit Menschen, vorwiegend Tunesier, die in ihre Heimat fahren. Viele kommen mit ihren Autos, die bis oben hin vollgepackt sind und auch auf dem Dach sind Berge von Gegenständen befestigt, so dass die Unterböden fast auf der Strasse schleifen. Spielzeug, Möbel, Holztüren, Kühlschränke, Motorroller….Wir nehmen an, um all das in Tunesien zu Geld zu machen.

Wir haben uns Essen und Wasser mitgenommen. Eine gute Entscheidung, denn auf dem Hafenplatz gibt es nur einen Automaten mit Getränken und Süssigkeiten. Die Zeit zieht sich hin und als wir endlich auf die Fähre können, sind wir todmüde. Da wir keine Kabine gebucht haben, suchen wir uns einfach ein Eckchen, wo wir unsere Siebensachen abstellen, die Matten aufpusten, uns in die Schlafsäcke mummeln und halbwegs gut schlafen. Am Vormittag, vor dem Eintreffen in Tunis, können wir schon Formulare für den Zoll ausfüllen. Gegen 14 Uhr erreicht die Fähre dann endlich den Hafen von Tunis und das Prozedere am Zoll dauert noch mal ca. ¾ Std. Wir müssen angeben, wo unser erstes Hotel ist und welche Orte wir in Tunesien besuchen wollen. Aus dem Hafen raus, werden wir noch mal angehalten und nach unserer Reiseroute gefragt. All das läuft sehr freundlich ab. Endlich können wir Richtung Unterkunft starten, die wir trotz GPS nicht sofort finden. Wir fragen nach und ein Tunesier springt prompt in sein Auto und zeigt uns hilfsbereit den Weg. Ziemlich erschöpft fallen wir früh ins Bett und schlafen tief und fest.

07.11.2018
Im Morgengrauen werden wir vom Muezzin geweckt, der mit seinem Lautsprecher zum ersten Gebet aus dem Schlaf reisst. Wir kennen diese Geräusche aus Marokko, George hat sie vermisst und es zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht. Wir fühlen uns fit und ausgeruht. Nach einem leckeren Frühstück sind wir gespannt, was uns heute erwartet.
Unser erstes Ziel ist Bizerte. Wir fahren über die Landstrasse und merken schnell, dass wir Europa verlassen haben. Pferdekarren, stinkende Busse und Schafherden nehmen am Strassenverkehr teil. Trotzdem läuft alles unkompliziert, harmonisch und rücksichtsvoll. Wir werden oft angehupt und freundlich gegrüsst und auch mal fotografiert. Die Menschen lächeln uns zu und winken. Eine aus Versehen zu viel bezahlte Zigarettenschachtel, wird korrigiert, indem der alte Kioskbesitzer im Kaften hinter George her eilt und ihm die paar zu viel bezahlten Dinar zurück gibt. Was für eine Ehrlichkeit, in einem Land, wo jeder Cent zählt.

Bizerte existiert seit 3000 Jahren. Es ist herrlich die Kashba zu besichtigen. Kashbas sind die typischen uralten Wohnsiedlungen, die durch eine dicke und hohe Mauer rundherum geschützt sind. Die Häuser sind alle aneinander gebaut, die Gassen sind eng und verwinkelt, wie ein Labyrint.

Vor der Kashba liegt der alte Hafen, an den der Markt angrenzt. Die Geruchsmischung von Gemüse, Früchten, orientalischen Gewürzen, Fisch und Fleisch, liegt in der Luft. Der Geräuschpegel durch die Marktschreier ist hoch, aber das alles passt einfach zusammen.

08.11.2018
In Bizerte geht die Sonne auf und ein strahlender Tag erwartet uns. Wir starten nach dem Frühstück und ein paar Kilometerweiter sind wir auf der Landstrasse und fahren durch grüne Gegenden mit viel Landwirtschaft. Leider gibt es auf dieser Strecke viele und zum Teil sehr tiefe Schlaglöcher. Das müsste mal repariert werden. Dieser Wunsch wird nach wenigen Kilometern erfüllt und eine gigantische Baustelle erstreckt sich vor uns. Der gesamte Strassenbelag ist entfernt und wir fahren auf Schotter. Es gibt Stellen, wo der Schotter tiefer ist und nasse, lehmige Streckenabschnitte, die rutschig sind. Die Baustelle scheint kein Ende zu nehmen. Mir kommt es mindestens wie 60 km vor, George schätzt, dass es 20 km sind…irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit. Auf den Kilometerzähler hat keiner von uns geschaut. Unsere Möps meistern das gut. Trotzdem ist natürlich Konzentration angesagtund in der Gegend rum gucken geht nicht.
Wir wollen zum Cap Serrat, wo es einen wunderschönen Strand geben soll. Die Strasse zweigt in Sejane ab und führt uns ca. 12 km durch ein Naturschutzgebiet. Hügel rauf und Hügel runter. Auch hier in Nordtunesien hat das Unwetter, welches Italien traf, gewütet. Viele Flächen stehen unter Wasser, Schlamm befindet sich auf der Strasse und zum Teil steht auch die Strasse unter Wasser. Aber das umliegende Naturschutzgebiet wirkt wie ein kleines Paradies. Schafherden und frei laufende Esel grasen neben der Strasse. Das Cap Serrat ist im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel. Jetzt ist alles wie ausgestorben und der Weg zum schönen Strand ist schlammig. Ein kleines Restaurant, welches nur zu Fuss zu erreichen ist, hat geöffnet. George wartet bei den Motorrädern, ich hole zwei Cola. Der Inhaber hat seinen Teller mit Mittagessen vor sich. Fisch…und bietet mir spontan an, doch mal zu probieren. Das ist Gastfreundschaft.

Dann geht es weiter nach Tabarka. Früher ein Fischerdörfchen, jetzt eine mittelgrosse Stadt.

9.11.2018
Wieder ein sonniger Tag und vom Hotel haben wir eine tolle Sicht auf den Sonnenaufgang. Um 9 Uhr sitzen wir auf den Motorrädern und fahren durch eine wunderbare Bergwelt mit dichten Korkeichenwäldern. Die Strasse ist kurvig und super zum fahren. Als erstes Ziel haben wir Bulla Regia angegeben. Hier gibt es eine alte römische Ausgrabungsstätte. Da diese von der Strasse aus recht verfallen und uninteressant aussieht, rasten wir nur in dem Kaffee auf der anderen Strassenseite.

Kaum haben wir den Kaffee bestellt, werden wir von einem Mann angesprochen. Woher wir kommen und wohin wir wollen….er wäre vom Zivilschutz. Automatisch denken wir: Da könnte ja jeder daher kommen…aber auf Grund der Teilreisewarnungen, die für einige Gegenden in Tunesien bestehen, denken wir, dass das alles wohl rechtens ist. Unsere Nummernschilder werden notiert und uns wird gute Weiterfahrt gewünscht. Nach ca. 70 km erreichen wir Dougga. Schon von weitem sieht man einen gut erhaltenen römischen Tempel.

Das wollen wir uns genauer anschauen. Wir parken unsere Motorräder und durchstreifen die Ausgrabungsstätte. Es gibt tolle Fotomotive und nach über einer Stunde sind wir verschwitzt, weil wir in unseren dicken Motorradklamotten laufen und die Sonne vom Himmel strahlt.

Zum Glück gibt es einen Brunnen, wo wir uns erfrischen können.

Weiter geht es durch eine Ebene und dann wieder in die Berge. Zwischendurch machen wir eine kurze Pause, um die Aussicht zu geniessen und Fotos zu machen. Wie aus dem Nichts taucht ein Polizist auf einem Motorrad auf. Fragt nach dem woher und wohin und ob wir ein Problem haben. Wir verneinen. Dann fragt er, ob wir eventuell Motorradhandschuhe für ihn haben und George schenkt ihm sein Ersatzpaar. Das Strahlen im Gesicht dieses Mannes ist Dank genug.
Unser Endziel für heute ist El Kef. Ein paar Kilometer vor der Stadt, werden wir an einem Kreisverkehr wieder von der Polizei gestoppt. Müssen unsere Pässe vorzeigen und unsere geplante Route aufzählen. Die Polizei in Tunesien hat ein Auge auf die Touristen. Vor allem, wenn man sich, so wie wir, in der Nähe zur algerischen Grenze bewegt. Nachdem alles kontrolliert und für gut befunden wurde, dürfen wir weiter….fast am Hotel müssen wir einen erneuten Stopp einlegen. Irgendwann nervt es. Wieder Polizei, die uns fragt, wohin wir wollen…gut, dass wir ihnen ein Hotel nennen können und das liegt direkt um die Ecke. Kaum haben wir dort die Motorräder abgestellt, kommt ein Auto auf den Hotelparkplatz… ein Mann springt heraus und sagt, er wäre vom Zivilschutz und was wir heute noch vorhaben…irgendwo was essen und dann schlafen, sagen wir und damit gibt er sich zufrieden. Da es schon dunkel ist, fahren wir mit einem Taxi (Kosten 1 Dinar=ca. 35 Cent) in die Stadt, die 3 km entfernt ist. Heute gibt es Pizza. Als wir wieder am Hotel ankommen, fängt es an zu gewittern und das bleibt auch die halbe Nacht so.

10.11.2018
Die Nacht war mittelmässig. Nicht wegen dem heftigen Gewitter, sondern die Heizung liess sich nicht abstellen und glühte. Trotz offenem Fenster war es bullenheiss und stickig. Beim Aufwachen sind unsere Kehlen total ausgedörrt…Kaffee könnte Abhilfe schaffen.
Mal nebenbei bemerkt: Wir lieben und brauchen direkt nach dem wach werden, so gegen 6 Uhr, einen Morgenkaffee, begleitet von einem Zigarettchen. In den meisten Hotels gibt es erst ab 7 oder 8 Uhr Kaffee und so verbringen wir mindestens eine Stunde, mit Kaffeedurst und leicht schlecht gelaunt. Wenn ein Balkon am Zimmer ist, benutzen wir auch mal unseren Benzinkocher zum Wasser erhitzen. In El Kef ist kein Balkon vorhanden und Benzingeruch im Zimmer könnte auch falsch verstanden werden. Für den Fall hat George in Italien eine kleine und leichte Elektrokochplatte für 7 Euro erstanden. „Heute bekommst du einen Kaffee im Bett serviert,“ kündigt George an. Überglücklich stellt er einen Topf mit Wasser auf die Platte, dreht auf und guckt mich an, als hätte er gerade das Rad erfunden….eine halbe Minute später knallt und qualmt es. Das Teil ist definitiv hinüber. Mit dem Satz: „Sag jetzt bitte nichts…“ …bereitet George einen kalten löslichen Kaffee und murmelt griechische Schimpfworte vor sich hin. Irgendwann gibt es dann endlich heissen Kaffee im Hotel und wir setzen uns mit unseren Tassen vor den Eingang neben unsere Motorräder.
In dem Moment fährt ein Auto vor und ein Typ springt raus. Zivilschutz. Wir wissen ja schon von gestern, was sie hören wollen und geben Auskunft über unser heutiges Ziel. Als wir fertig gepackt haben, kommt ein Geländefahrzeug, mit zwei bewaffneten Polizisten in Zivil. Sie begleiten uns bis zur Stadtgrenze und lotsen uns durch die zahlreichen Polizeikontrollen in der Stadt. So müssen wir nirgendwo unsere Pässe vorzeigen. Die nächsten 60 km, Richtung Kasserine, relativ nah an der algerischen Grenze entlang, haben wir einige Passkontrollen und immer auch ein Begleitfahrzeug. Alle Kontrollen und Begleitungen sind freundlich. Zum einen geben sie uns ein Sicherheitsgefühl, in einer Gegend, wo es öfter mal zu Konflikten und Kämpfen zwischen radikalen Islamisten, die sich im Grenzgebiet zu Algerien verschanzt haben, und tunesischem Militär, kommt. Auf diesem Reiseabschnitt werden wir quasi wie rohe Eier behandelt. So bald wir anhalten, warten unsere Begleiter in gebührendem Abstand. So beobachtet kommt uns der Gedanke, ob es denn wirklich so gefährlich dort ist? Das kann einen auch verunsichern. Die unzähligen Kontrollen nerven und die ständig uns folgenden Begleitfahrzeuge vermitteln das Gefühl, wir müssten uns beeilen, aber wir machen trotzdem unsere Pausen. Jedes mal treffen wir freundliche Menschen, die bei Stops auf diesem Abschnitt auf uns zukommen. Uns Kaffee ausgeben, Wasser schenken, sich unterhalten und Fotos machen wollen. Vor allem junge Männer, die ein Foto auf der Tenere sitzend, haben möchten. Sie sitzen stolz auf dem Motorrad, und in ihrem Gesicht sieht man den Traum von so einer Reise.

Sobald wir die Stadtgrenze von Kasserine erreichen und links Richtung Tozeur abbiegen, ist der ganze Spuk vorbei. Polizei und Militär sind überall präsent, aber wir werden ab da immer nur durchgewunken.

Heute verändert sich die Landschaft drastisch. Es gibt keine Wälder mehr, sondern nur steppenartige Ebene. Die Berge rücken in die Ferne und unsere heissgeliebte Sahara kommt näher. Unser eigentliches Tagesziel, Tozeur, können wir nicht mehr im Hellen erreichen und daher suchen wir Unterkunft in Gafsa. 100 km vor Tozeur. Wir steuern das erste Hotel an, und dieses entpuppt sich als ein Palast wie aus 1001 Nacht und zu dem bezahlbar. Zu dieser Jahreszeit, es ist keine Saison, ist es günstiger, direkt im Hotel über den Preis zu verhandeln und nicht über das Internet zu buchen. Es ist zur Routine geworden, dass ich bei den Motorrädern warte, während George in den Hotels einen guten Preis für uns aushandelt. Und dann wie ein stolzer Pascha lächelnd heraus kommt. Ich glaube, er fühlt sich in der arabischen Welt, wo das Handeln an der Tagesordnung ist, pudelwohl.

11.11.2018
Wir fahren durch die Wüste bis Tozeur. Diesmal ohne Securitybegleitung.

In Tozeur bleiben wir zwei Nächte. Die Oase zählt über 200.000 Dattelpalmen, auf denen angeblich die weltbesten Datteln wachsen, die jetzt im November geerntet werden. An einem Marktstand erwerben wir eine Kostprobe: Sie schmecken köstlich.

Am folgenden Tag besuchen wir Nefta. Dort ist angeblich eine Hochburg der Sufisten. Wikipedia: „Sufismus oder Sufitum ist eine Sammelbezeichnung für Strömungen im Islam, die asketische Tendenzen und eine spirituelle Orientierung aufweisen, die oft mit dem Wort Mystik bezeichnet wird. Einen Anhänger des Sufismus nennt man Sufist, einen Ausübenden Sufi oder Derwisch.“ Auf uns wirkt das Dorf mit seinen Bewohnern genau so, wie jedes andere. Der Ort hat einen zentralen Platz, wo wir bei einem Kaffee das Dorfleben beobachten und dann noch einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt machen und auf offene und neugierige Menschen treffen, wie bisher überall in Tunesien.

13.11.2018
An diesem Tag überqueren wir den Chott el Jerid. Das ist ein Salzsee über den eine 60 km lange, schnurgerade, gute Straße führt. Auf den ersten Blick sieht der See aus, wie Wüste, aber es wächst dort kein einziger Halm und immer wieder gibt es kleinere, feuchte salzhaltige Flächen, die im Sonnenschein funkeln. Der See ist nicht ganz ungefährlich und nach langem Regen bilden sich schlammige Stellen, in denen man versinken kann. Daher sollte man nicht auf die Fläche hinaus fahren. In grauer Vorzeit, als es die Strasse noch nicht gab, sind ganze Karawanen im Salzsee versunken und zu Tode gekommen. Die weite helle Fläche ist beeindruckend.
Ungefähr auf der Hälfte der Strecke gibt es ein kleines Kaffee, das auf den ersten Blick wie ein verlassener Bretterschuppen aussieht.

Bei Hamma kann man Kaffee trinken, Salz aus dem See, Teppiche und Kristallsteine kaufen. Er erzählt uns, dass er schon 38 Jahre ganz alleine dieses Kaffee führt und seine Frau mit 9 Söhnen und 1 Tochter in der Wüste lebt. Er zeigt uns seine Kristallsteine und fragt, ob wir was zu tauschen hätten….ein Fernglas wäre ihm genehm. Eigentlich können wir kein zusätzliches Gepäck brauchen, aber Hamma ist hartnäckig und ein guter Händler. Wir fischen eine kleine Taschenlampe aus dem Gepäck, da wir drei davon besitzen. Für drei Steine und zwei Kaffee möchte Hamma die Lampe und 20 Dinar….das handeln wir aber noch gründlich herunter und sind danach um eine Taschenlampe ärmer, um 2 lauwarme Kaffee und 3 noch ungeöffnete Kristallsteine reicher. Das hat Hamma geschickt hinbekommen.

Für die Nacht haben wir über airbnb ein günstiges Zimmer gebucht. Die GPS Daten führen uns durch Kibili. Am Dorfende winkt uns ein Mann freundlich und auffällig zu, wie uns das sehr oft hier passiert…die Tunesier sind einfach nett. 10 km weiter in einem sandigen Dorf, zeigen uns die GPS Daten „Ziel“ an. Dort kennt aber niemand die Gastgeber Latifa und Arafat. Einen Anruf weiter wissen wir, dass der auffällig winkende Mann Arafat war und uns an unseren Motorrädern erkannt hat und den Weg weisen wollte. Also geht es wieder zurück und diesmal steht Arafat mitten auf der Strasse, wedelt grinsend mit beiden Armen und wir alle müssen erst mal über das Missverständnis lachen. Arafat und Latifa haben zusammen mit ihren drei Kindern ein grosses ordentliches Grundstück mit Campingplatz, das von Dattelpalmen beschattet wird. Arafat ist viel in Europa gereist, hat einige Jahre in München gelebt und kann sehr gut Englisch und auch etwas Deutsch sprechen. Die Familie ist sehr freundlich. Abends essen wir zusammen mit ihnen Kouskous, Tajin, Salat….sitzen mit ihnen auf der Erde rund um den Tisch, wie es hier üblich ist. Wir erfahren und sehen, wie Familien in Tunesien leben.

Arafat klagt, dass es seit der Revolution mit dem Tourismus bergab gegangen ist und kaum noch Individualreisende auf den Campingplatz kommen. Früher kamen viele Wohnmobile, heute nicht mehr. Die grossen Hotelanlagen werden gebucht und die Touristen bewegen sich aus Angst vor Terror kaum ausserhalb der Hotelanlagen. So ist das Leben für Arafat und Latifa finanziell schwerer geworden. Wir beziehen ein winziges Zimmerchen auf dem Dach ihres Hauses, in das gerade mal ebend ein Bett passt. Mehr nicht. Aber unten im Gebäude gibt es einen Gaskocher, auf dem wir früh am Morgen unseren heissgeliebten Kaffee bereiten und dann den Sonnenaufgang bewundern können.

Bis zum 16.11. bleiben wir in Kibili. Zwei Mal besuchen wir Douz, ca. 30 km entfernt. Wir fahren zum „Tor der Wüste, wo im Dezember ein grosses Wüsten-Festival und auch Kamelrennen statt finden. Wir passieren das Tor und fahren ein Stück in die Sahara, aber da, wo der Sand dann tiefer wird, steigt die Befürchtung, dass wir mit den Motorrädern stecken bleiben könnten.

Am nächsten Tag ist grosser Markt, zu dem die Händler und Bauern aus dem weiten Umland anreisen, um ihre Produkte zu verkaufen. Diese Märkte sind immer ein Erlebnis für die Sinne. Für den Kamelmarkt kommen wir zu spät an. Er endet schon mittags. Aber der restliche Markt, mit Gemüse, Früchten, Bekleidung und anderem Kleinkram, ist farbenfroh und interessant durch die orientalisch gekleideten Menschen.

In unserem winzigen Dachzimmerchen bei Arafat, fühlen wir uns nach 3 Nächten dann doch beengt und reisen weiter.

16.11.2018
128 km weiter liegt das Dorf Matmata. Die Strasse führt durch die platte, weite Wüste. Ohne Frühstück fahren wir los und planen, unterwegs etwas zu Essen zu kaufen ….aber für 100 km gibt es nicht mal ein Haus. Und wir sind hungrig. Zum Glück hat Arafat uns zum Abschied noch Datteln geschenkt, die wir bei einer Pause verzehren. Die Landschaft wird ab Tamezret hügelig und immer wieder können wir die fantastische Aussicht geniessen.

In Matmata lebten früher alle Einwohner in Trichterwohnungen. Im Boden wurden runde Löcher, ca. 7 m tief und mit mindestesn 20 Metern Durchmessern, gegraben. Der Zugang erfolgte durch einen Gang, der von der Oberfläche durch das Erdreich in den Trichter führte. Dann legten die Menschen vom inneren des Trichters seitlich Räume an. Zum Teil mussten sie sich durch den Fels arbeiten. In so einem Trichter lebten bis zu 5 Familien, die je ihre eigenen Wohnräume und Lagerräume hatten. Jeder Trichter hatte eine Zisterne, in die Regenwasser geleitet wurde. Zur Zeit leben noch 15 Familien in Matmata in Trichterwohnungen. Mehr und mehr werden normale Wohnhäuser gebaut und diese einzigartigen Behausungen verfallen leider.

Wir übernachten im Sidi Idris. Ein Hotel in einem dieser ca. 400 Jahre alten Trichterbehausungen. Die Hotelzimmer sind unter der Erde. In diesem Hotel wurde ein Teil der Starwars-Episode gedreht. Manche Film-Relikte und Fotos kann man hier bestaunen.

Rund um Matmata ist die Landschaft hügelig mit wenig Vegetation. Bewegt man sich ein bisschen aus dem Dorf heraus, herrscht tiefe Stille und man möchte einfach nur da sitzen und das geniessen. Wir bleiben 2 Nächte, denn für den nächsten Tag ist Regen angesagt und es wird auch kühler. Wegen dem nassen Wetter lassen wir die Motorräder stehen und machen nur einen Spaziergang durch das Dorf und in die nähere Umgebung. Im Dorfcafe lässt es sich auch eine Weile aushalten oder später in der Hotelkneipe, wo zu Starwars Zeiten Luke Skywalkers Wohnung war….es gibt sogar Bier. Die Hotelzimmer unter der Erde sind muckelig warm und ruhig. Trotzdem sie klein sind und keine Fenster haben, wirkt es nicht erdrückend.

Aber Tags über lassen wir aber die Tür auf, wenn wir uns darin aufhalten…und jeden Morgen ab 8 Uhr, kommen Busse voll mit Chinesen, die durch das Starwars-Hotel geführt werden. Schnatternd, wie eine Schar Pekingenten, und immer mit einem Lachen im Gesicht, fotografieren die Chinesen alles, was ihnen vor die Linse kommt….auch uns in unserer „Gruft“. China…Land des Lächelns..und wir lassen uns anstecken.

Gerne würden wir länger in der Wüste bleiben, aber wir finden nicht die passende Bleibe. Auch über airbnb findet sich nichts. Eine Wohnung oder ein Häuschen, wo man sich auch selber etwas kochen und sich für eine Weile ein Zuhause schaffen kann….wie damals in Marokko. Die Hotels sind günstig, aber es gibt wenig Privatsphäre. Schade.

18.11.2018
Langsam machen wir uns auf den Rückweg nach Tunis. Von Matmata aus geht es zunächst durch die sanfte, hügelige Wüstenlandschaft. Für die Touristen ist am Strassenrand ein Berberzelt aufgebaut und auch eine Erdwohnung zur Besichtigung hergerichtet . Wir legen einen Stopp ein. Ein Tunesier fragt höflich, ob er ein Foto mit der Tenere haben könnte….in diesem Moment kommt ein Trupp Chinesen auf Fahrrädern incl. Begleitbus, für die wir mit unseren Motorrädern anscheinend viel interessanter sind, als das Berberzelt. Zunächst stürzen sie sich auf George und die Tenere.

Als ich mich umdrehe, sehe ich sie schon auf der Himalayan sitzen….einer nach dem anderen möchte mit uns und den Maschinen fotografiert werden. Sie überfallen uns quasi und wir können nichts anderes tun, als ihre Wünsche zu erfüllen.

Als wir fertig zur Abfahrt sind, hält ein Bus mit Tunesiern und aus einem Augenwinkel sehen wir, wie die Chinesen die tunesichen Businsassen in ihre Mitte nehmen….oder eher zerren… und fotografieren, was das Zeug hält. Auf der Weiterfahrt müssen wir immer wieder über diese skurile Situation lachen. Und wir wetten, dass alle beteiligten Tunesier an dieser Situation verdient haben….ein Foto…ein Dinar…oder auch mehr.

Die Hügel gehen über in flache Wüste und dann wird es wieder grüner rundherum. Wir überholen immer wieder Lieferwagen, auf denen lebende Schafe festgebunden sind. In den Dörfern hängen an diesem Sonntag fast vor jedem Restaurant geschlachtete Schafe, noch mit Fell oder sie stehen angebunden davor, ihrem Schicksal ausgeliefert und überall qualmen die Grills. Mir vergeht der Appetit bei so einem Anblick und ich möchte dort auch gar nicht anhalten, auch wenn George meint, dass es dort sicher lecker Essen gibt. Richtung Meer fahren wir für unglaublich viele Kilometer durch Olivenplantagen, die sich links und rechts der Strasse bis zum Horizont erstrecken. In Mahdia finden wir eine kostengünstige Bleibe mit Kochgelegenheit mitten in der Stadt und bereiten von dort unsere Weiterreise nach Griechenland vor. Mahdia hat neben einem sehr modernen Stadtteil auch eine wunderschöne Altstatdt.

Tunesien: Ein bisschen hatten wir uns durch das Auswärtige Amt verunsichern lassen, weil es Teilreisewarnungen für gewisse Gebiete in Tunesien gibt. Diese haben wir auch gemieden. Begleitschutz hatten wir nur auf der Strecke entlang der algerischen Grenze. Wir sind einmal rund um Tunesien gefahren, ca. 1800 km. Das Land ist klein, dafür aber landschaftlich sehr vielfältig. Im Norden grün und mit dichten Wäldern. In der Mitte herrscht steppenartige Landschaft und im Süden die Wüste. Im November sind die Temperaturen angenehm und zum Motorrad fahren ideal. Wir trafen nur freundliche Menschen, die offen auf uns zu kamen, hilfsbereit und gastfreundlich. Der Strassenverkehr in den Städten wirkt auf den ersten Blick chaotisch, aber die meisten fahren gemässigt, defensiv und nehmen Blickkontakt auf. Auf den Landstrassen herrscht wenig Verkehr. Trotzdem gut aufpassen! Wir erlebten einige heikle Überholmanöver. Der Strassenzustand ist überwiegend gut, ab und zu gibt es Strecken mit tiefen Schlaglöchern. Baustellen ohne Asphalt, mit Schotterbelag oder den unangenehmen Längsrillen, waren jetzt bei unserer Tunresienreise viele Kilometer lang.
Ein abwechslungsreiches Land. Die Rundreise hat sich absolut gelohnt.

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4 thoughts on “Tunesien

  1. Hallo Annette, hallo George,
    natürlich habe ich den Bericht sofort verschlungen … schön euch so begleiten zu können … danke für den tollen Bericht und das Video … ich wünsche euch eine gute Zeit in Griechenland!

    1. Hallo Thomas und vielen Dank für dein positives feedback. Auch wenn es hier in Griechenland nicht gerade Sommer ist, manchmal regnet, stürmt und nachts sehr kühl wird…ist es doch ein ganz anderes und angenehmeres Klima, wie in Wuppertal. Und morgens klingelt kein Wecker…. 😉
      LG von George und Annette

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