Die Tortillas gehören in Mexiko zu jeder Mahlzeit dazu, so wie das Amen in der Kirche. Es ist ein kleiner, runder, dünner Fladen, mit einem Durchmesser von ca. 15 cm und wird aus Mais hergestellt. Daher sind sie für unseren Geschmack etwas gewöhnungsbedürftig. Manche Zungen behaupten, sie schmecken wie Pappkarton, wobei damit eher die industriell in Massen hergstellten Tortillas gemeint sein dürften.

In mexikanischen Haushalten werden sie auch heute noch oft selber hergestellt. Für die traditionellen Tortillas werden Maiskörner zusammen mit gelöschtem Kalk gekocht und über Nacht stehen gelassen. Dadurch löst sich die harte Schale auf, die Klebstoffe werden freigesetzt, die Giftstoffe zerstört und das Eiweiss für die menschliche Verdauung zugänglich gemacht. Am nächsten Tag werden die Körner zu einer Masse zermahlen, die sich nixtamal nennt. Ein fettfreier, feiner und zäher Knetteig. Daraus werden mit einer Handpresse kleine Fladen geformt und ohne Fett auf einem heissen Blech gar gebacken.

Im Durchschnitt verzehrt jeder Mexikaner im Jahr ca. 70 kg Tortillas. Aufeinander gestapelt ergäbe das eine Höhe von sieben Metern. Würde man die Tortillas aneinander legen, die 110 Millionen Mexikaner an einem einzigen Tag verzehren, könnte man den Äquator fünf mal umrunden. Eine Jahresration würde für eine zweispurige Autobahn zum Mond reichen. Die in 1000 Tagen verspeisten Tortillas reichen aus, um ganz Mexiko mit seinen rund zwei Millionen Quadratkilometern vollkommen zu bedecken.

Alles, was auf den Teller kommt, wird in die Tortilla gefaltet oder gerollt und so in den Mund befördert. Gebratene Schnitzel oder Hähnchen werden klein geschnitten, damit sie in Tortillas eingepackt und verzehrt werden können.

Der Kreativität, was die Füllung der Tortillas betrifft, sind keine Grenzen gesetzt.

Taco ist ein mit Fleisch gefüllter Tortilla. Der taco al pastor ist eine Art mexikanischer Döner und sehr beliebt. Er wird mit Fleisch vom Spiess, Korianderblättern, rohen Zwiebeln und gegrillten Ananas gefüllt.

Enchiladas werden mit gekochtem Hühnerfleisch belegt, in der Mitte gefaltet, unter einer warmen Chili-, Tomaten-, oder Bohnensosse, einer Schicht Salat, saurer Sahne und Käse versteckt….die Liste der Variationen ist endlos.

Aus dem Tortillateig werden auch tamales hergestellt. Ein süsser oder pikanter Maiskuchen, der in Bananen-, oder Maisblätter gehüllt wird.

Am besten schmecken Tortillas natürlich frisch. Bleiben Fladen übrig, werden sie nicht weggeschmissen, sondern in dreieckige Stücke geschnitten, frittiert, gebacken oder an der Luft getrocknet zu den sogenannten totopos. Tortilla-Chips. Sie schmecken gut mit Bohnenbrei oder scharfen Chilisossen.

Als mexikanische Flädle, tauchen totopos auch in einer köstlichen scharfen Hühnersuppe mit Käse und Avokadostücken auf.

Die Tortilla ist aus Mexiko nicht wegzudenken und legt sich quasi wie ein Mantel um die gesamte mexikanische Zivilisation.

Und damit noch nicht genug. Glaubt man alten prähispanischen Mythen, besteht der Mexikaner selber aus Tortillateig. Laut dem heiligen Mayabuch Popol Vuh, erschufen die Götter der Welt zuerst Pflanzen und Tiere. Danach wollten sie ein Wesen erschaffen, welches sprechen, die Früchte der Erde ernten und die Götter verehren konnte.

Zuerst probierten sie es mit Ton und dann Holz. Aber die Wesen, die daraus entstanden, blieben hinter den Erwartungen der Götter zurück. Die Wesen aus Ton waren tollpatschig, blind und lösten sich bei Regen auf. Die aus Holz hatten kein Herz, irrten ohne Sinn und Ziel auf der Erde herum und verehrten die Götter nicht. Die Götter sandten eine Flut und vernichteten die Holzmenschen. Nach langem überlegen versuchten sie es mit Mais. Mit nixtamal, den Teig für die Tortilla. Zur Probe kneteten sie nur 4 Männer und da diese sehen, denken, fühlen, sprechen und vor allem ihre Schöpfer erkennen konnten, formten die Götter auch noch vier Frauen. Die Menschen vermehrten sich, lernten Mais anzubauen und Tortillas zu backen.

In ganz Mesoamerika ähneln sich die Geschichten, wie der Mensch entstanden ist. Die ältesten Funde von Mais sind ca. 7000 Jahre alt. Über Jahrtausende war diese Pflanze Lebensmittelpunkt. Mais bestimmte die Bräuche der Menschen, ihre Vorstellungen, die Architektur ihrer Häuser, die Anlagen ihrer Städte und den Ablauf von Tag und Jahr. Der Mais brachte die Kultur nach Mittelamerika. Nimmt man den Menschen dort den Mais, nimmt man ihnen ihre Kultur.


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3 thoughts on “Menschen aus Mais”

  1. Super Bericht über den Mais.
    Der Schrank von chronologischen Tagebuch zur Szene / Hintergrund Beschreibung hat sich gelohnt.
    Wir schauen 4 Jahr voraus und wollen auch Südamerika bereisen.
    Frage an euch hat es auch „gelohnt“ die eigenen Motorräder zu versenden?.
    Unsere jetzige Überlegung einfache kleine Motorräder vor Ort zu kaufen, was haltet ihr davon?
    Schöne Grüsse
    Bruno

    1. Hallo Bruno, danke für dein feedback 🙂 Wir waren sieben Monate auf dem amerikanischen Kontinent unterwegs und da lohnt es sich, die eigenen Motorräder transportieren zu lassen, denken wir. Die Transportkosten sind wahrscheinlich ungefähr so teuer wie ein kleines, gebrauchtes Motorrad in Südamerika, welches man dann auch noch mit Gepäck (z.B. Koffern) ausstatten muss. Am Ende der Reise hat man natürlich dann den „Druck“, das Motorrad wieder verkaufen zu müssen. Freunde von uns haben 2019 ein kleines Motorrad in Südamerika gekauft und sind zu zweit damit gereist…bis Corona sie stoppte. Sie haben das Motorrad jetzt in Kolumbien (bei Bekannten) stehen und wollen irgendwann wieder damit weiter reisen.
      Wichtig ist, sich vorher zu erkundigen, ob der Kauf als Ausländer überhaupt möglich ist und ob man mit dem Nummernschild des jeweiligen Landes auch durch die gewünschten Länder reisen darf….die Politik ändert sich ja schnell mal. Argentinien z.B. macht es für Ausländer fast unmöglich, ein Fahrzeug zu erwerben und zuzulassen.
      Ihr habt ja noch Zeit zum planen. Vorfreude ist die schönste Freude. Alles Gute und viel Erfolg
      Annette & George

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