Annette: Irgendwo habe ich gelesen, dass es bei Motorrad und Besitzer(in) „Klick“ machen muss. Da muss ein Zündfunke sein und der Gedanke: Ja, das passt.

George macht mich auf Royal Enfield aufmerksam. Die indischen Motorräder haben eine niedrige Sitzhöhe und zudem gibt es da ein neues Modell: Die Himalayan. 25 PS. Einzylinder. Minimalistisch, ohne Verkleidung, mit wenig Elektronik, die kaputt gehen könnte. Enduromässig ausgestattet. Der erste Kontakt wird im Frühjahr auf der Motorradmesse in Essen geknüpft. „Guck mal, sieht die nicht klasse aus?“ fragt George…mh….ja….schön sieht sie ja aus. Sitzprobe fühlt sich bequem an. Und sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein paar Monate später gibt es dann die erste und eine zweite Probefahrt und….klick…ich weiss sofort: Das ist mein Motorrad. Drauf setzen, grinsen, los fahren und sich wie eine indische Prinzessin fühlen.
Mit gemischtem Gefühl und einer (kleinen) Träne im Auge, gebe ich mein altes Motorrad  in Zahlung und eine Stunde später bin ich Besitzerin einer indischen Royal Enfield Himalayan. Und bisher habe ich es noch keine Sekunde bereut.

Nun habe ich ein neues Motorrad und brauche natürlich noch Zubehör…und das ist in Deutschland zur Zeit rar, bzw. sind zu dem Zeitpunkt Koffer samt Halterung überall ausverkauft und das Eintreffen neuer Ware ungewiss. Auf meiner Suche im Internet, treffe ich auf Donowyn aus Mumbai. (http://donowyn.com) Er stellt in Handarbeit passende, robuste und günstige Zubehörteile für die Himalayan her. Zuerst bin ich etwas skeptisch, ob eine Bestellung glatt über die Bühne gehen würde, denn ich muss per Vorkasse bezahlen….aber der Kontakt mit Donowyn ist immer zeitnah, hilfsbereit und freundschaftlich. Meine bestellten pannier racks sind nach anderthalb Wochen in Deutschland und der Anbau ist problemlos. Da passt alles.

Sturzbügel, denke ich, bekomme ich sicher bei einem Enfield Händler vor Ort, werde aber wieder enttäuscht…hätte ich doch gleich aus Indien mitbestellen sollen… aber da gibt es ja Bernd, einen hilfsbereiten Menschen, der sich auf einer Geschäftsreise nach Indien die Mühe macht, Donowyn in Mumbai zu besuchen, um mir Sturzbügel mitzubringen. WOW….ich habe das gar nicht erwartet…was für eine Überraschung. Ich freue mich riesig. Grosses Dankeschön an Bernd.
Als Sahnehäubchen macht er ein Video von dieser Aktion: Mission crash bars – From India with Love. (Video)

Weitere Ausstattung bekomme ich dann doch tatsächlich in Wuppertal. Die Navihalterung bleibt die selbe wie vorher, ein USB Stecker, stabile Handprotektoren und eine Griffheizung machen jetzt die Himalayan fit für die Reise.

Die Himalayan wirkt ja nicht nur äusserlich wie ein Mopped von früher. Sie hat sogar einen Choke und den muss man beim Starten des Motors bedienen, sonst geht dieser wieder aus. Und es tut ihr gut, wenn man den Motor ein bis zwei Minuten laufen lässt. Danach geht sie ab….vielleicht nicht ganz wie Schmitz Katze…aber dafür mit einem Schnurren, dass einem ganz wohlig wird.

Ende August starten wir dann mit unseren neuen Reisegefährten eine erste kleine Probereise von 9 Tagen. Fast mit voller Ausrüstung, denn wir haben mal wieder Lust auf Übernachtungen im „Milliarden Sternehotel“.

Da ich ja keine Koffer fand, habe ich mich diesmal für Softbags von Enduristan (Monsoon 3) entschieden, die wunderbar auf den indischen Gepäckträger passen. Positiver Effekt gegenüber Alukoffern: Taschen sitzen näher am Motorrad, wiegen viel weniger, was in mir eine leise Hoffnung keimen lässt, meine „Fallsucht“ zu besiegen. Die Gepäckrolle passt prima hinter mich quer auf den Soziussitz.

Unsere kleine Probereise beginnt erst gegen Mittag, denn den ganzen Morgen giesst es wie aus Kübeln. Aber dann verdrängt Sonne die grauen Regenwolken. Zuerst geht es durch’s bergische Land mit ziemlich viel Verkehr. Wir fahren nur Landstrasse und unser erster Übernachtungsplatz ist in St. Goar, direkt am Rhein. Das Zelt ist ruckzuck aufgebaut. Da sind wir ein Spitzenteam. Und später kuscheln wir uns in unsere Schlafsäcke…das haben wir vermisst.

Am nächsten Morgen überqueren wir den Rhein mit einer kleinen Fähre.

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An diesem Tag haben wir viele Kilometer vor uns. Die erste sehr lange Strecke für die Himalayan und für mich oben drauf, und wir meistern das beide ohne Probleme. Sitzpolsterung, Sitzhaltung und Federung sind für mich sehr bequem. Die nächste Nacht verbringen wir im tiefsten Schwarzwald. Zum Abendessen gibt es heerlijk vet eeten, denn die Campingplatz-Betreiber sind Holländer. Gebratenes und fritiertes und Salat mit viel Sosse, Frieten mit einem Berg Majonaise…..dazu einige Grolsch….lecker. Das haben wir uns auch verdient nach der langen Fahrt. Stellen aber erstaunt fest, dass wir gar nicht so wirklich erschöpft sind, dafür wohlig entspannt.

Unser Fazit für diesen Tag: Wir sassen zwar viele Stunden auf unseren Maschinen, fuhren aber im gemächlichem Tempo. Vor allem die Himalayan mit ihren 25 PS verleitet nicht zum rasen bzw. ist es mit ihr gar nicht möglich. Die Landschaft flitzt nicht an einem vorbei, sondern gleitet. Man nimmt viel mehr von der Umgebung wahr. Schnelles Fahren erfordert mehr Konzentration und man ermüdet schneller. Wir bekommen eine Ahnung, was es mit dem Begriff „Entschleunigung“ auf sich hat und wie gut sich das anfühlt.

Meine Inderin kann bis zu 120 km/h schnell fahren, aber bis man bei dieser Geschwindigkeit angelangt ist, vergeht einige Zeit. Bei 100 km/ wird sie erst mal lauter und quält sich dann in höhere Geschwindigkeiten. Bis max. 90 km/h brummelt sie zufrieden und erklimmt auch steile Berge ohne Problem. Für Landstrassen reicht ihre Kapazität voll und ganz und das Fahren macht einfach richtig Spass.
Ist mal ein Überholvorgang nötig, wünschte ich mir ein paar PS mehr. Da muss ich richtig gut abschätzen und acht geben, dass freie Bahn ist. Die etwas schlappen Bremsen verlängern den Bremsweg, wenn mal ein schneller Stop nötig ist. Die Notbremsung habe ich bis heute aber nur grundlos geübt und brauchte sie ( drei mal auf Holz klopfen) bisher noch nicht im Strassenverkehr. Vorausschauendes Fahren ist wichtig. Rechtzeitig das Tempo drosseln. Unsicher fühle ich mich trotzdem nicht auf der Himalayan.

Wir erreichen die Schweiz und besuchen unseren Sohn und seine kleine Familie, die mittlerweile auf 4 Köpfe angewachsen ist. Tagsüber unternehmen wir bei schönstem Wetter eine Tour durch das Toggenburg, Appenzellerland und hoch zur Schwägalp. Gute Strassen, viele Kurven, herrliche Aussichten machen diese Fahrt zum Genuss. Die Pirellireifen der Himalayan haben eine gute Bodenhaftung, auch in der kurvigen Bergwelt und das steigert mein Vertrauen in diese Maschine.
Eigentlich ist es nur in Deutschland erlaubt, auf Landstrassen 100 km zu fahren und viele glauben wohl, dass es eine Pflicht sei. Kaum übertritt man die Grenze, geht es gemächlicher zu. Vor allem in der Schweiz, denn wer dort geblitzt wird, muss sehr tief in die Tasche greifen. Das bleibt uns erspart.

Ach, ehe ich es vergesse, tanken mussten wir zwischendurch auch mal. Der Himalayantank fasst 15 l Benzin. Nach ca. 300 km geht die Tankanzeige in den roten Bereich. Mit Hilfe des Tageskilometerzählers stelle ich fest, dass meine Himalayan nur 2,8 l verbraucht und ich noch mindestens 200 km fahren könnte, auch wenn die Tanknadel den Reservebreich anzeigt. Also, 500 km sässen locker drin. Ein beruhigendes Gefühl, falls wir mal in Gegenden kommen sollten, wo Tankstellen Mangelware sind. Aber bis auf den letzten Tropfen sollte man nicht fahren, denn durch Verschmutzungen im Benzin, könnten die Einspritzdüsen verstopfen.

Die Rückreise nach Wuppertal gestaltet sich genau so entspannt, wie die Hinreise in die Schweiz. Die Entschleunigung hat Besitz von uns ergriffen und wir geniessen das. Keine Adrenalinstösse und der Puls bleibt immer im gesunden Bereich. Durch das Allgäu, Bayern und Hessen suchen wir uns immer wieder kleinste kurvige Strässchen durch hügelige Wälder.

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Die Himalyan verlangt auch ab und zu mal „Ausritte“ ins Gelände und die gewähre ich ihr gerne. Für Pausen biegen wir einfach mal auf Waldwege oder Wiesenpfade ab und dort fährt es sich mit der Inderin kaum anders, als auf Asphalt. Wir finden einsame Plätze, wo wir uns ausruhen und einen Kaffee trinken.

Im Sauerland treffen wir an diesem Sonntag viele Kurvenkönige und Knieschleifer, die sich die beliebten Strecken teilen müssen. Auch an zwei Motorradunfällen fahren wir vorbei, wo es aber offensichtlich zum Glück nur Blechschaden gibt. Trotzdem fährt mir immer der Schreck in die Glieder, wenn ich so was sehe.

Am Nachmittag sind wir wieder Zuhause, mit grossem Appetit…auf die nächste Reise.

Ich taufe mein Motorrad auf den Namen „Shanti“, was übersetzt aus dem Sanskrit : „Innerer Frieden“ bedeutet, denn genau das ist mein Gefühl beim Fahren.

 

Update Oktober 2019: Die große Reise ist gerade vorbei. Sie begann im Oktober 2018 und endete im Oktober 2019. Alle unsere Reiseerlebnisse findet ihr in unserem Reisetagebuch auf unserer Webseite.

Fazit: Meine Meinung zur Royal Enfield Himalayan ist mehr als positiv. Dies ist ein einfaches Motorrad und egal, in welcher Werkstatt ich auch immer war, ich fand sofort Hilfe. Abgesehen von den „Kinderkrankheiten“, an denen jedes neue Modell leidet, waren die anderen Pannen normaler Verschleiss. Hier geht es zum Technikbericht.

Man muss bedenken, dass diese Reise ein Härtetest für uns beide war. Zusammen haben wir vieles erlebt. Wir sind mit Polizeibegleitschutz in Tunesien, in die Wüste Sahara, auf Bauernwegen in der Türkei, auf vielen kaputten Strassen (teilweise war der Zustand wie bombardiert), durch die russische Tundra, und so weitergefahren. Ein ganzes Jahr durch 26 Länder und 36.000 km! Ich bin mit der REH nicht gestürzt, hatte keinen Unfall.. überall hat sich meine Royal Enfield Himalayan tapfer geschlagen und mir einen Haufen unvergesslicher Bilder, Eindrücke und Erfahrungen beschert.

Einen Haufen unvergesslicher Bilder, Eindrücke und Erfahrungen.
Einen Haufen unvergesslicher Bilder, Eindrücke und Erfahrungen.

Aber jetzt kommen wir zum allerwichtigsten: Mit meiner Himalayan bin ich nach einem Jahr unversehrt nach hause zurück gekehrt und genau das ist, was zählt!

Ich werde sicherlich mit diesem Motorrad nochmal verreisen, ich werde sie pflegen und wer weiss, vielleicht werde ich sie eines Tages an eines meiner Enkelkinder vererben….

 

 

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3 thoughts on “Royal Enfield Himalayan

  1. Mittlerweile kennen wir uns für zwei unbekannte ja schon ganz gut und als Liane Deinen Bericht gelesen hat, hat sie gesagt:
    Die schreibt das Gleiche, wie Du. 🙂
    Da wir allerdings immer zu zweit auf der Himalayan unterwegs sind, brauchen wir 0,2 – 0,4 Liter mehr auf 100 km. ;-))
    Auf
    http://www.mikemoto.de/Forum/phpBB3/viewtopic.php?f=27&t=7873&p=188025#p188025
    hab ich noch ’n Tipp für Dich.
    Weiterhin ganz viel Spaß mit dem Entschleuniger.
    ML

    1. Hallo Max und Liane, erst jetzt sehe ich euren Eintrag. Danke dafür 🙂 Auch jetzt, wo ich mit der Himalayan Italien durchquert habe, bin ich immer noch äusserst zufrieden. Der Tip mit dem Gummi ist genial, denn oft stehe ich da und muss den Choke drücken, bis das Möp warm ist. Ein erstes Video ist fertig und bald kommt auch der Bericht über den ersten Teil der Reise: Italien 🙂 Euch beiden immer sicher Fahrt. LG an euch von Annette

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